Ich möchte diese Reise machen, obwohl / trotz:

_wir eine wunderschöne Wohnung und Wohnsituation haben.
_wir fantastische Freund*innen / Kolleg*innen und ein soziales Netz haben, wie ich es noch nie hatte.
_ich einen Job im Bereich Nachhaltigkeit habe und das an einer Uni, die von außen oft als „Leuchtturm“ für dieses Thema bezeichnet wird und das in einem Forschungsumfeld, das nicht nur an „Wahrheitsfindung“ interessiert ist, sondern daran, konkret Transformationen Richtung Nachhaltigkeit anzustoßen und aktiv zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Alles, was mich beruflich-inhaltlich hart kickt.
_ich mühsam aufgebaute Routinen und jahrelang gepflegte Netze aufgebe oder zumindest zeitweise verlasse und danach nicht weiß, wie sie sich verändert haben.
_ich liebe bekannte Menschen lange nicht sehen werde. Und ich bei manchen fürchte, sie nie wieder zu sehen, weil sie sterben könnten oder auch weil manche Freundschaften nur zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten, in bestimmten Kontexten funktionieren und außerhalb dessen irgendwie halt nicht.
_ich nicht weiß, wie es „danach“ – nach der Reise – weitergeht. Und auch nicht wo. Weder wohn- noch jobtechnisch. Und wir noch nicht mal wissen, wie wir überhaupt wieder nach Hause kommen.
_ich politische Debatten und Ereignisse wie Wahlen auf nationaler bis lokaler Ebene, sowie lokale Veränderungen verpassen werde und wie sie graduell die Stimmung, vllt auch Denke in meinem bisherigen Umfeld und im Land generell verändern.
_auch 2018 rauschhaft vorbeigegangen ist, 1. Hälfte voll Familie, 2. Hälfte voll Arbeit und ich bislang nicht das Gefühl habe, groß Zeit und Muße gefunden zu haben, um mich mental auf die Reise vorzubereiten.
_Freund*innen und Verwandte in vergleichbaren Lebenslagen sich allesamt eher für Settling-down or Career or both entscheiden.
_Overtourism und steigendem CO2-Gehalt.
_Fotoflut auf Instagram, FB etc von überall auf der Welt von Menschen aus aller Herren Länder und ambivalentes Framing von Reisen als populäres Werbe- und Selbstverwirklichungs- / Profilierungsthema und als neues Statussymbol oder auch Alltagsflucht unter Freund*innen, Verwandten, Bekannten und Medien.
_Langzeit-Fernreisen absolutes Wohlstandsindiz und krasses Privileg sind und ich mich damit 1. als quite well-off oute, 2. Die Arroganz an den Tag lege, dieses Privileg wirklich zu nutzen.
_ich nicht weiß, ob das eine gute Idee ist für unser weiteres Leben. Ob wir vllt nicht lebend zurückkehren werden oder traumatisiert oder einfach nur getrennt voneinander oder merken, dass wir völlig überfordert sind und unterwegs sein überhaupt nicht unsers ist oder wir danach entwurzelt sind und nicht wissen, wohin mit uns und fürs irgendwo Wiederankommen erneut Jahre brauchen.


Ich möchte diese Reise machen, weil:

_so genau, ist mir das momentan nicht mehr klar, vllt weil ich langsam kalte Füße kriege
_nach außen sag ich meist, weil wir eine Freundin in Peking besuchen wollen
_das ist natürlich nur ein Bruchteil, dessen was dahintersteckt.
_weil ich mich buchstäblich neuen Menschen und Orten öffnen und auf sie einlassen will.
_weil ich durchschnaufen will. Zeit haben zum Ausschlafen, für mein Tempo, nicht das von Deadlines.
_weil ich sehr mal wieder Lust habe auf was anderes als Montag-bis-Freitag-tack-tack-tack. Weg mit dem dauernd massiven maximal durchoptimierten Ineinanderschachteln von eigenen und anderer Leute Ansprüchen, sowie Terminen, Aufgaben, Familie, Freund*innen, Freizeit in die täglichen 24h.
_weil ich mich 5 Jahre lang hart gestresst habe, um mich in meine Arbeit einzufuchsen. Weil meine Haut seit 5 Jahren durchdreht und ich mich seit 5 Jahren zerkratze.
_weil ich Zeit haben will, Bücher zu lesen. Belletristik, die sich aufgetürmt hat od die ich unterwegs entdecke. Fachbücher, zu denen ich nicht gekommen bin od die sich noch auftun.
_weil ich Zeit haben will, um gesellschaftspolitische Prozesse in der Welt kontinuierlicher zu verfolgen und besser zu verstehen, durch eigenes Erleben, Beobachten, in Zeitungen und Medien, die über Dtl- und Eurozentrismus hinausgehen.
_weil ich hoffe, dass die Muße zu mir kommt und in der Lust zu zeichnen oder zu schreiben wieder aus mir herausspricht.
_weil ich geschichtlich massiv mehr lernen kann.
_weil scheiß Putzen und Haushaltskack samt Behördenbriefe uns für eine Zeit nicht die Beziehung oder mein Gemüt oder beides schwer machen.
_weil ich in Praktika oder Freiwilligenarbeit im besten Fall zum wechselseitigen Nutzen nützlich sein kann.
_weil ich es vor 6 Jahren versprochen habe, mir vor 5 Jahren vorgenommen habe, seit 4 Jahren darauf spare und seit 1 Jahr mit Mu sämtliche planerisch-organisatorischen Schritte unternehme, um diese Reise machen zu können.
_weil es ein krasses Abenteuer ist, ein großes Stück Welt ohne Flugzeug kennenzulernen und mich die Vorstellung krass energetisiert, dass wir die Freiheit unser Leben so gestalten zu können, wie wir es wollen, tatsächlich nutzen.
_weil ich die Vorstellung geil finde, mich für die Reise von dem größten Teil meines materiellen Besitzes loszueisen.